Diagnose: Trennung

Red du mir von Liebe“ von Philippe Claudel ist eine szenische Darstellung des Beziehungskrieges eines lange verheirateten Paares. Die Inszenierung des Theaters an der Angel Magdeburg vermag es, das Publikum schreiend davon rennen zu lassen- nicht, weil daran etwas auszusetzen wäre, sondern weil man die tiefen Verletzungen, die Verbitterung und Verzweiflung kaum aushalten kann, die auf der Bühne stattfinden.

Wenn das Wörtchen „Liebe“ im Titel eines Filmes oder Theaterstückes vorkommt, dann hat man meist eine grobe Ahnung davon, was auf einen zu kommt. Doch mit „Liebe“ hat Philippe Claudels Werk in diesem Fall so gar nichts mehr zu tun.

Es beginnt, wie man sich Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ vorstellt. Weisse Tücher, ein Mistelzweig, geisterhafte Schauspieler, die die Geschichte der Entstehung der Geschlechter erzählen. Fast wie ein Märchen lehnt man sich zurück und wartet auf eine Liebesgeschichte. Was dann kommt, gleicht jedoch eher der Bericht eines blutigen Schlachtfeldes.

Die Tücher verschwinden, eine moderne, französische Wohnung erscheint, ein Mann stolpert auf die Bühne und versucht, die Alarmanlage aus- und das Licht einzuschalten. Im folgt seine Ehefrau in wunderschöner Abendgarderobe, matt, müde, erschöpft. Wohnung und Kleidung der beiden entsprechen dem Standard, den einige Zuschauer für sich selbst als Zukunftsideal in Betracht ziehen würden. Doch diese Illusion hält nicht lange vor. Da, wo der Mistelzweig vorher die Romantik unterstrich, lacht er nun beinahe höhnisch auf das verbitterte Paar hinunter, bei dem man sich nur kopfschüttelnd fragen kann, warum sie nicht längst getrennt sind.

Über einen beinahe endlos erscheinenden Zeitraum reihen sich Schimpfwörter, Hasstiraden, Verletzungen aneinander. Beide können sich in ihrer Grausamkeit und beinahe bemitleidenswerten Verzweiflung durchaus das Wasser reichen, sodass der Zuschauer geneigt ist, sich keiner Seite so recht anzuschließen. Es fliegen Gegenstände durch die Luft, Sachen, die dem einen lieb und teuer sind, werden vom anderen zerstört, sodass das symbolische Scherbenaufsammeln doch mehr zu einer ironischen Farce verkommt als zu einem reellen Erhaltungsversuch. Trotz der Zerstörung- sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene- gehen sie nie direkt aufeinander los. Diesen letzten Höhepunkt spart die Inszenierung aus. Und das, obwohl man sich nach einer Stunde schon beinahe danach sehnt, dass es zu Handgreiflichkeiten kommt und beide einsehen, dass sie einander nicht gut tun.

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Stattdessen bleibt nur die Frage im Raum stehen, warum sie so weit gehen und doch weiter machen können. Diese Ehe ist so offensichtlich am Ende, dass es dafür keinen Therapeuten oder Paarberater mehr braucht. Und als sie schließlich noch offenbaren, dass das keineswegs alles das erste Mal heraus bricht, da kann nur noch die Kinnlade herunter klappen, weil die Kraft, sich zu empören, beinahe schon verbraucht ist.

Die Inszenierung des Theaters an der Angel Magdeburg mit einer brillianten Ines Lacroix und einem leider recht textschwachen Matthias Engel in den Hauptrollen spielt zum Schluss Leonard Cohens „Dance me to the end of love“. Die Protagonisten tanzen dazu in eher entsetzender als rührender Versöhnung Tango. Dabei hatte man doch- aller Romantik zum Trotz- irgendwie gehofft, dass „to the end“ wörtlich genommen werden würde. Das happy end ist nicht nur unverständlich, nein, es erweckt nahezu das Bedürfnis, auf die Bühne zu rennen, das Paar auseinander zu reißen und notfalls mit Gewalt zur Vernunft zu bringen.

Und so bleibt man nach diesem Theaterabend mit einem unguten Gefühl im Bauch zurück und fragt sich: Ist es das, was die heutige Gesellschaft unter Liebe versteht? Sind wir von unserem sorgenlosen Leben so gelangweilt, dass wir uns unsere Probleme einfach selbst schaffen und selbst die Aspekte des Lebens, die so schön und rein sein könnten, zerstören müssen?

Mich hat dieser Abend eines gelehrt. Ich will es nie, niemals so weit kommen lassen.

 

Carlotta Harms studiert Psychologie an der Martin- Luther- Universität Halle- Wittenberg

Ein Abend mit Paul ABRAHAM

Ein Abend mit Paul Abraham

14.32 Uhr, ein Flugzeug im Anflug an Frankfurt. An Bord sitzt Paul Abraham, der zurück in seine Heimat gebracht werden soll, zurück nach Deutschland, wo er seine besten Jahre verbracht hat.

Doch Paul Abraham weiß das nicht mehr. Für ihn ist Deutschland noch immer von Nazis besetzt, die „einen Krieg gegen die Operette“ führen. Paul Abraham leidet an Demenz.

Doch das wissen die Zuschauer zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die lockere Atmosphäre verleitet, sich auf einen entspannten, mehr gemütlichen als aufwühlenden Abend einzustellen. Und das ist er auch. Zum Teil. Denn manchmal wird es eindringlich auf der Bühne, da fragt man sich wer er war, dieser Paul Abraham, wie schrecklich es für so einen großen Kopf sein muss, seine Werke verloren zu wissen, in Armut zu leben und sich schließlich auf einer Kreuzung wieder zu finden, auf er- in Ermangelung eines Orchesters- die Autos dirigiert.

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„Abraham“, inszeniert von den Kammerspielen Magdeburg, erzählt die Geschichte dieses großen Komponisten der 20er Jahre. Eindringlich, in vielen Rückblenden, die verschiedene Etappen seines Lebens beleuchten, schaffen Schauspieler und Musiker eine Atmosphäre der 20er Jahre. Leichter Slapstick und tiefgründige, dramatische Szenen lösen einander ein einem scheinbar zufälligen Muster ab. Sie lassen die Verwirrung greifbar werden, die Abraham durch seine Erkrankung verspürt haben muss. Jörg Schüttauf- brilliant in der Rolle des Abraham- lässt sie nicht überhand nehmen über der Erzählung. Und doch ist- nicht zuletzt durch Dialoge wie „Ich bin mit dem Taxi ins Hotel gefahren“- „Du bist mit dem Krankenwagen ins Hospital gefahren!“ schnell deutlich, an was er leidet. Schüttauf stellt einen etwas schusseligen, alten, verwirrten Professor da. Ein musikalisches Genie, einen Liebhaber- und gleichzeitig ein Kind, dass von der Ehefrau umsorgt werden muss, einen rücksichtslosen Egozentriker, mit dem zu Leben die Hölle gewesen sein muss.

Susanne Bard spielt seine Ehefrau. Genervt füttert sie ihn, kleidet ihn um, lässt ihre Verbitterung und Frustration an dem kränkelnden Leib aus, der ihr von ihrem Mann geblieben ist. Leider hat hier die Inszenierung ihre größte Schwachstelle. Während die junge Darstellung des Paares und die Momente auf der Bühne, in denen Bard in die Rollen einer Stewardess, einer Verehrerin, einer Prostituierten, Sekretärin schlüpft stimmig, mit einer Liebe zum Detail, zum Schauspiel und dem Künstler dargestellt sind, wirkt die Darstellung der „alten Ehe“ eher hölzern und wenig authentisch. Dies sorgt dafür, dass man zu Beginn des Stückes, in dem das alte Ehepaar im Vordergrund steht, Schwierigkeiten hat, sich auf die Stimmung und die Thematik einzustellen.

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Dafür wird man aber doppelt und dreifach entschädigt, wenn die Musik einsetzt. Schafften Bühnenbild, Sprache, Körperhaltung und Ausdruck es schon, den Zuschauer ein Stück in der Zeit zurück so setzen, so ist er, wenn der Pianist in die Tasten zu drücken beginnt, endgültig in den 20er Jahren angekommen. Da hilft auch, dass die Inszenierung das Publikum mit ein bezieht, mit ihm kocetikettiert und es schlussendlich zum Grand Orchestre befördert, wenn der Maestro am Bühnenrand steht, dirigiert und- in der wohl besten Szene des ganzen Stücks!- in der Orchesterprobe die ersten Geigen, die Hawaii-Gitarre und die „Du-bist-doch-keine-Oboe!“ kritisiert.

„Abraham“ ist mehr eine Hommage als eine weitere dramatische, traurige Auseinandersetzung mit dem dritten Reich. Die Thematik der Vertreibung, der Heimat- und Kunstlosigkeit wird zwar angeschnitten, jedoch nicht übermäßig vertieft. Einzig der Verlust der Stücke, die Abraham auch in New York ein gutes Leben hätten sichern können, die Frustration, dass er sich nicht mehr an die Noten, Melodien, Texte erinnern kann, werden wieder und wieder aufgerollt.

Die musikalischen Häppchen, die einem von den beiden Darstellern und Jens-Uwe Günther, der das Stück auf der Bühne als Pianist mit begleitet, hin geworfen werden, stecken an, sich über Abraham zu informieren. Kaum hat man einen- bisher unbekannten Ohrwurm- einigermaßen verinnerlicht, kommt der nächste. Und der nächste. Und der nächste.

Am Schluss soll noch kurz empfohlen werden, sich das Stück auf einer kleineren Bühne anzusehen. Zwar rückt der große Abstand zwischen den Brettern, die die Welt bedeuten, und dem Publikum den Dirigenten in ein hervorragendes Licht, für den Rest ist eine größere Nähe jedoch absolut erstrebenswert.

Und so bleibt nach diesem TheaterabendRB7_3755, beeindruckt   von der Vielfalt in Berufen, Rollen und verschiedenen Altern Susanne Bards, von der Figur des Abrahams und wunderschöner Operettenmusik nur noch eines zu summen:

„Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände… lala lala lalalala“

 

 

 

Carlotta Harms studiert Psychologie an der Martin- Luther- Universität Halle-Wittenberg.

Ist das Liebe oder kann das Weg? / Red du mir von Liebe

Marcus Kaloff beschwört in seiner Inszenierung „Red du mir von Liebe“ archaische Bilder einer Ehekrise herauf, überzeugend dargestellt von Ines Lacroix und Matthias Engel.

„Sie hätten dich einschläfern sollen“, schreit eine verbitterte Frau mittleren Alters, ihrem egoistischen, karrieregeilen Mann nach dreißig Jahren Ehe ins Gesicht. Kurz darauf liegen die Trauringe zwischen ihnen.

Marcus Kaloff beschwört in seiner Inszenierung „Red du mir von Liebe“, nach der gleichnamigen Vorlage Philippe Claudels, archaische Bilder einer Ehekrise herauf, überzeugend dargestellt von Ines Lacroix und Matthias Engel.

Auf den Gesichtern der Schauspieler erzählt sich die ganze Geschichte von den Verhärmungen und Psychosen einer selbstzerstörerisch geführten Ehe. Was für den Zuschauer als voyeuristischer Spaß an den oft derben gegenseitigen Beleidigungen beginnt, stößt in seinem Crescendo an die Grenzen des Ertragbaren. Was hindert die beiden eigentlich noch daran, sich scheiden zu lassen? Die gemeinsamen Kinder? Die finanzielle Abhängigkeit der Frau? Die Angst des Mannes, sich vor seiner Familie die Blöße zu geben? Da wären die vielen Eifersuchtsszenen, die sich in ihrer Ambiguität der vorgeschobenen Lieblosigkeit erwehren. Egal ist man sich jedenfalls nicht. Das zeigt sich vor allem deutlich in der Katastrophe im letzten Drittel des Stücks. Als seine Frau ihm sagt, dass sie selbst beim Anblick ihrer Zimmerpflanze mehr empfinde, als es je bei ihm der Fall gewesen sei, bricht ihr Mann vor Kränkung jäh zusammen. Er entschuldigt sich und bittet sie den Streit zu vergessen. Und tatsächlich – Kurze Zeit später liegt sich das Ehepaar unter gegenseitigen Liebesbekundigungen versöhnlich in den Armen.

Nicht ohne Ironie behält Marcus Kaloff den übertrieben harmonischen Schluss Philippe Claudels bei und hinterlässt den Zuschauer mit der Sinnfrage: Ist das Liebe oder kann das weg?

Max Engeländer studiert Germanistik und Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

 

© Foto Ray Behringer

 

Redet ihr von Liebe?

Das Theaterstück„Red du mir von Liebe“ lässt sich mit einem Wort wohl treffend beschreiben: laut.

Liebe. Ein Mysterium, das die Menschen so lange beschäftigt wie sie ein halbwegs vernünftiges „Urgh“ hervor bringen können – der Vorbote des modernen „Ich liebe dich“. Ein so starkes Gefühl, dass es ausgewählten Göttern zugeordnet wurde, da es von übermenschlicher Natur sein muss. Ein Gefühl, das uns dazu bringt die verrücktesten Dinge zu tun, das über Zeit und Raum hinaus geht und uns zum glücklichsten oder verzweifelsten Menschen der Erde machen kann.
Aber wo fängt Liebe an, wo hört sie auf? Wann verwandeln sich die zarten Schmetterlinge und wann wird der Alltag der größte Feind? Nach einem Jahr? Oder fünf, zehn, zwanzig? Was wird, wenn man denjenigen, dem man die Welt zu Füßen legte, den man zu 100 % liebt, tagtäglich sieht und realisiert, dass stinkende Tennissocken, der einnehmende Beruf , klammernde Muttis zum Komplettpaket „Liebe“ dazu gehören? Die hoch philosophisch interessante Frage nach dem Gefühl X lässt sich wohl kaum innerhalb eines Abends klären, aber man hat sich diese Frage wohl mehrfach gestellt und ist zu dem Schluss gekommen, dass sie das, was dargestellt wurde, wohl nicht ist. Oder doch?
Das zweite Theaterstück beim Neuland-Festival mit dem Titel „Red du mir von Liebe“ lässt sich mit einem Wort wohl treffend beschreiben: laut. Nach einem interessanten Hörspiel als Auftakt, das den mythologischen Ursprung der Liebe zwischen Mann und Frau erklärt, ändert sich binnen Sekunden das ebenfalls mystisch wirkende und mit weißen Vorhängen verdeckte Bühnenbild in einen Salon eines Hauses der französischen Oberschicht. Ein Knall lässt die Zuschauer zusammenfahren und ein Mann um die fünfzig prescht herein und schimpft in kurzen Sätzen mit wilder Gestik und Mimik, sodass ihm ab und zu die Luft weg blieb. Während seiner Tiraden betritt eine Frau, gespielt vonInes Lacroix, in etwa dem gleichen Alter den Salon. Sie wirkt unendlich erschöpft und genervt, rollt mit den Augen, bewegt sich betont langsam und desinteressiert und setzt sich auf einen Sessel. Zwischendurch reagiert sie, aber man merkt die Müdigkeit der Situation und der späten Stunde in ihrer Stimme, bis ihr Ehemann sie mit seiner Eifersucht konfrontiert. Und es geht los: Ein paar Beschimpfungen fliegen hin und her, aber ein Quäntchen Vernunft, vielleicht auch nur die Müdigkeit, appelliert an die Frau, die nun schlafen gehen will. Ihr Mann stellt sich ihr allerdings in den Weg. Und provoziert sie. Immer wieder. Im späteren Neuland-Talk verrät der Schauspieler, Matti Engel dass er auf der Bühne noch nie so viele Schimpfworte in den Mund genommen hat.
Die Folge: zwei lange Stunden entfacht sich das größte Beziehungschaos seit Menschen Gedenken, nachdem man selbst anfängt darüber nachzudenken, ob die offene Zahnpastatube wirklich solch ein Malheur ist. Einhundertundzwanzig Minuten über wird sich angeschrien, wobei keiner der Beteiligten dauerhaft die Oberhand besaß. Mal traf er genau ihren Schwachpunkt, wie zum Beispiel durch einen genauen Angriff auf ihre Familie, mal ließ sie ihn, den „Speichellecker“, gnadenlos zappeln. Das Publikum konnte daher keinem der Charaktere völlige Sympathie zusprechen. Trotzdem gab es ausreichend viele Momente, in denen man sich fragte, warum sie um Gottes Willen ihren nebenbei sorgfältig mit Schuhen gepackten Koffer nicht einfach nahm und verschwand, sondern zurück kam und ihren Gatten vor Wut schreiend attackierte. Oder warum er, da er nun schon seinen Mantel erneut trug, nicht das Haus verließ und bitte, bitte , bitte dem ein Ende setzte. Nein, sie kamen einfach nicht voneinander los.
Unterstützt wurde die nette Unterhaltung von angemessenem Heavymetal als dann der Mann soweit war gegen Ende der Handlung das Haus abzufackeln. Seine Frau, die zuvor zu Bett gehen wollte, kam nun wieder und war entsetzt. Man stellte sich wieder auf den Feuersturm ein, der hier nun ausblieb. Stattdessen beteuerten sich beide Charaktere gegenseitig ihre Liebe und fragten sich scheinbar entkräftet, wieso sie sich jeden Abend so bekriegen müssen. Es wurde klar, dass die Frau eigentlich nur versichert kriegen wollte, wie sehr sie geliebt wurde. Also löste sie den Konflikt und beide tanzten sanft Tango; skurriler hätte das Ende eines Krieges wohl nicht sein können.
Im anschließenden Neuland-Talk lachten die ohnehin schon heiseren Schauspieler viel und es wurde sehr darüber diskutiert, wie sehr die Liebe einen beeinflusst und wie sehr man sich darin verliert von diesem einen Menschen, den man so sehr liebt, Bestätigung zu erhalten.

Johanna Düfert studiert Germanistik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Nicht vergessen / ABRAHAM

Ein unheimlich facettenreiches Stück, das durch die Vertrautheit zweier ehemaliger Kommilitonen zum Leben erweckt wird.

Nach einer unterhaltsamen Begrüßung beim zweiten Neuland-Festival in Halle (Saale), die sowohl von zwei ambitionierten Reinigungskräften als auch von harmonischen musikalischen Klängen begleitet wurde, startete das Programm mit seinem ersten Theaterstück „Abraham“.
Als Auftakt wurden die Zuschauer von einer freundlichen Stewardess mit angenehmer Stimmlage abgeholt und sanft in die Szene und in die dargestellte Realität des Jahres 1957 eingearbeitet, indem sie als Passagiere am Flug teilnahmen und mit zuckerhaltigen Aufmerksamkeiten begrüßt wurden. Diese angenehme, freundliche Atmosphäre wurde jäh von der nervösen, hektischen und verwirrt scheinenden Hauptfigur, Paul Abraham, gespielt von Jörg Schüttauf, unterbrochen. Als Kontrast zwischen einer scheinbar heilen und harmonischen Umgebung, die von düsteren Ereignissen und eingestreuten Elementen des Nationalsozialismus überschattet ist, ist bereits die erste Szene bezeichnend für das Gesamtwerk. Dem Zuschauer wird der Weg in das Stück und somit in die gespiegelte Gefühlswelt des dementen Abrahams, einem großartigen Komponisten und unvergleichliches Genie in der Musikwelt, geebnet.
Im darauffolgenden Dialog zwischen Paul Abraham und seiner Frau Sarolta, gespielt von Susanne Bard, wird nun die nächste wichtige Figur vorgestellt, die souveräner und realitätsnäher erscheint als der verwirrt wirkende Abraham. Diese wirkt allerdings auch von dem Kranken genervt und wegen der finanziellen Situation verzweifelt und frustriert, gegen welche allerdings durch Abrahams Demenz nichts unternommen werden kann. Der Kontrast aus den unterschiedlichen Lebenshöhepunkten Abrahams bestimmt den Verlauf seiner Krankheit – wie die Gegensätze alt und jung stehen sich reich und arm, geliebt und gehasst, vollkommen und einsam gegenüber.
Bereits hier, in den Gesprächen des alten Ehepaares, erkennt man eine besondere Vertrautheit zwischen den Akteuren, deren perfektes Zusammenspiel das gesamte Stück beherrscht.
Im Folgenden wird der faszinierende Facettenreichtum eines ausgebildeten Schauspielers ausgereizt, in dem der Autor mit Ort, Zeit und den Rollen spielt. Ausschnitte aus Abrahams Biografie werden anschaulich und zuschauernah gezeigt, wobei der Fokus auf seinem durch den Nationalsozialismus und die damit verbundene Flucht und Emigration nach Amerika verursachten Trauma liegt. Zeitsprünge sind hier die Regel. Über größere Distanzen wird eine Verbindung aus den Gedanken des Demenzkranken und seiner Vergangenheit geschaffen, eine ideale Brücke baut hierbei die Musik. Einige Lieder, wie „Blume von Hawaii“, werden allerdings nur teilweise angeschnitten und der Künstler bei seiner strengen Dirigenten- und Komponistentätigkeit leidenschaftlich in Szene gesetzt. Unterstützt wurde er dabei von Jens-Uwe Günther.
Währenddessen schlüpft die Frau mit den tausend Gesichtern, Susanne Bard, an diesem Abend in unzählige Nebenrollen, z.B. als Krankenschwester, Prostituierte oder japanisch-französische Sängerin. Dies verleiht dem Stück eine eigene Komik und Abwechslung. Dank ausreichender Requisiten entsteht allerdings keine Verwirrung, die einzelnen Charaktere werden individuell gestaltet und sind daher unheimlich interessant. Besonders faszinierend ist hierbei die jeweilige Interaktion des Abrahams in seinen zeitlich versetzten Rollen und dem ständig variierenden Gegenpart. Hierbei wird besonders das freundschaftliche, gute Verhältnis zwischen den Akteuren untereinander und mit dem Autor deutlich, was es dem Zuschauer leicht macht sich selbst in der Interpretation zu entfalten und sich im gesamten Rahmen wohlzufühlen.
Dieser Aspekt wird auch im Neuland-Talk, dem Nachgespräch mit den Schauspielern betont. Publikumsnah wird hierbei mit den Akteuren und dem Autor eine lockere Gesprächsatmosphäre geschaffen, was den Einblick in die Handlung wesentlich erweitert.
Alles in allem ein gelungener Start in das Festival des Freien Theaters, der Lust auf mehr macht.

Johanna Düfert studiert Germanistik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Einführung

 

…über diesem Beitrag folgen demnächst Berichte und Rezensionen aus und um das NEULAND-Festival. Gute Unterhaltung.