6. November 2015 Web Redaktion

Diagnose: Trennung

Red du mir von Liebe“ von Philippe Claudel ist eine szenische Darstellung des Beziehungskrieges eines lange verheirateten Paares. Die Inszenierung des Theaters an der Angel Magdeburg vermag es, das Publikum schreiend davon rennen zu lassen- nicht, weil daran etwas auszusetzen wäre, sondern weil man die tiefen Verletzungen, die Verbitterung und Verzweiflung kaum aushalten kann, die auf der Bühne stattfinden.

Wenn das Wörtchen „Liebe“ im Titel eines Filmes oder Theaterstückes vorkommt, dann hat man meist eine grobe Ahnung davon, was auf einen zu kommt. Doch mit „Liebe“ hat Philippe Claudels Werk in diesem Fall so gar nichts mehr zu tun.

Es beginnt, wie man sich Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ vorstellt. Weisse Tücher, ein Mistelzweig, geisterhafte Schauspieler, die die Geschichte der Entstehung der Geschlechter erzählen. Fast wie ein Märchen lehnt man sich zurück und wartet auf eine Liebesgeschichte. Was dann kommt, gleicht jedoch eher der Bericht eines blutigen Schlachtfeldes.

Die Tücher verschwinden, eine moderne, französische Wohnung erscheint, ein Mann stolpert auf die Bühne und versucht, die Alarmanlage aus- und das Licht einzuschalten. Im folgt seine Ehefrau in wunderschöner Abendgarderobe, matt, müde, erschöpft. Wohnung und Kleidung der beiden entsprechen dem Standard, den einige Zuschauer für sich selbst als Zukunftsideal in Betracht ziehen würden. Doch diese Illusion hält nicht lange vor. Da, wo der Mistelzweig vorher die Romantik unterstrich, lacht er nun beinahe höhnisch auf das verbitterte Paar hinunter, bei dem man sich nur kopfschüttelnd fragen kann, warum sie nicht längst getrennt sind.

Über einen beinahe endlos erscheinenden Zeitraum reihen sich Schimpfwörter, Hasstiraden, Verletzungen aneinander. Beide können sich in ihrer Grausamkeit und beinahe bemitleidenswerten Verzweiflung durchaus das Wasser reichen, sodass der Zuschauer geneigt ist, sich keiner Seite so recht anzuschließen. Es fliegen Gegenstände durch die Luft, Sachen, die dem einen lieb und teuer sind, werden vom anderen zerstört, sodass das symbolische Scherbenaufsammeln doch mehr zu einer ironischen Farce verkommt als zu einem reellen Erhaltungsversuch. Trotz der Zerstörung- sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene- gehen sie nie direkt aufeinander los. Diesen letzten Höhepunkt spart die Inszenierung aus. Und das, obwohl man sich nach einer Stunde schon beinahe danach sehnt, dass es zu Handgreiflichkeiten kommt und beide einsehen, dass sie einander nicht gut tun.

RB7_4042

Stattdessen bleibt nur die Frage im Raum stehen, warum sie so weit gehen und doch weiter machen können. Diese Ehe ist so offensichtlich am Ende, dass es dafür keinen Therapeuten oder Paarberater mehr braucht. Und als sie schließlich noch offenbaren, dass das keineswegs alles das erste Mal heraus bricht, da kann nur noch die Kinnlade herunter klappen, weil die Kraft, sich zu empören, beinahe schon verbraucht ist.

Die Inszenierung des Theaters an der Angel Magdeburg mit einer brillianten Ines Lacroix und einem leider recht textschwachen Matthias Engel in den Hauptrollen spielt zum Schluss Leonard Cohens „Dance me to the end of love“. Die Protagonisten tanzen dazu in eher entsetzender als rührender Versöhnung Tango. Dabei hatte man doch- aller Romantik zum Trotz- irgendwie gehofft, dass „to the end“ wörtlich genommen werden würde. Das happy end ist nicht nur unverständlich, nein, es erweckt nahezu das Bedürfnis, auf die Bühne zu rennen, das Paar auseinander zu reißen und notfalls mit Gewalt zur Vernunft zu bringen.

Und so bleibt man nach diesem Theaterabend mit einem unguten Gefühl im Bauch zurück und fragt sich: Ist es das, was die heutige Gesellschaft unter Liebe versteht? Sind wir von unserem sorgenlosen Leben so gelangweilt, dass wir uns unsere Probleme einfach selbst schaffen und selbst die Aspekte des Lebens, die so schön und rein sein könnten, zerstören müssen?

Mich hat dieser Abend eines gelehrt. Ich will es nie, niemals so weit kommen lassen.

 

Carlotta Harms studiert Psychologie an der Martin- Luther- Universität Halle- Wittenberg