6. November 2015 Web Redaktion

Ein Abend mit Paul ABRAHAM

Ein Abend mit Paul Abraham

14.32 Uhr, ein Flugzeug im Anflug an Frankfurt. An Bord sitzt Paul Abraham, der zurück in seine Heimat gebracht werden soll, zurück nach Deutschland, wo er seine besten Jahre verbracht hat.

Doch Paul Abraham weiß das nicht mehr. Für ihn ist Deutschland noch immer von Nazis besetzt, die „einen Krieg gegen die Operette“ führen. Paul Abraham leidet an Demenz.

Doch das wissen die Zuschauer zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die lockere Atmosphäre verleitet, sich auf einen entspannten, mehr gemütlichen als aufwühlenden Abend einzustellen. Und das ist er auch. Zum Teil. Denn manchmal wird es eindringlich auf der Bühne, da fragt man sich wer er war, dieser Paul Abraham, wie schrecklich es für so einen großen Kopf sein muss, seine Werke verloren zu wissen, in Armut zu leben und sich schließlich auf einer Kreuzung wieder zu finden, auf er- in Ermangelung eines Orchesters- die Autos dirigiert.

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„Abraham“, inszeniert von den Kammerspielen Magdeburg, erzählt die Geschichte dieses großen Komponisten der 20er Jahre. Eindringlich, in vielen Rückblenden, die verschiedene Etappen seines Lebens beleuchten, schaffen Schauspieler und Musiker eine Atmosphäre der 20er Jahre. Leichter Slapstick und tiefgründige, dramatische Szenen lösen einander ein einem scheinbar zufälligen Muster ab. Sie lassen die Verwirrung greifbar werden, die Abraham durch seine Erkrankung verspürt haben muss. Jörg Schüttauf- brilliant in der Rolle des Abraham- lässt sie nicht überhand nehmen über der Erzählung. Und doch ist- nicht zuletzt durch Dialoge wie „Ich bin mit dem Taxi ins Hotel gefahren“- „Du bist mit dem Krankenwagen ins Hospital gefahren!“ schnell deutlich, an was er leidet. Schüttauf stellt einen etwas schusseligen, alten, verwirrten Professor da. Ein musikalisches Genie, einen Liebhaber- und gleichzeitig ein Kind, dass von der Ehefrau umsorgt werden muss, einen rücksichtslosen Egozentriker, mit dem zu Leben die Hölle gewesen sein muss.

Susanne Bard spielt seine Ehefrau. Genervt füttert sie ihn, kleidet ihn um, lässt ihre Verbitterung und Frustration an dem kränkelnden Leib aus, der ihr von ihrem Mann geblieben ist. Leider hat hier die Inszenierung ihre größte Schwachstelle. Während die junge Darstellung des Paares und die Momente auf der Bühne, in denen Bard in die Rollen einer Stewardess, einer Verehrerin, einer Prostituierten, Sekretärin schlüpft stimmig, mit einer Liebe zum Detail, zum Schauspiel und dem Künstler dargestellt sind, wirkt die Darstellung der „alten Ehe“ eher hölzern und wenig authentisch. Dies sorgt dafür, dass man zu Beginn des Stückes, in dem das alte Ehepaar im Vordergrund steht, Schwierigkeiten hat, sich auf die Stimmung und die Thematik einzustellen.

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Dafür wird man aber doppelt und dreifach entschädigt, wenn die Musik einsetzt. Schafften Bühnenbild, Sprache, Körperhaltung und Ausdruck es schon, den Zuschauer ein Stück in der Zeit zurück so setzen, so ist er, wenn der Pianist in die Tasten zu drücken beginnt, endgültig in den 20er Jahren angekommen. Da hilft auch, dass die Inszenierung das Publikum mit ein bezieht, mit ihm kocetikettiert und es schlussendlich zum Grand Orchestre befördert, wenn der Maestro am Bühnenrand steht, dirigiert und- in der wohl besten Szene des ganzen Stücks!- in der Orchesterprobe die ersten Geigen, die Hawaii-Gitarre und die „Du-bist-doch-keine-Oboe!“ kritisiert.

„Abraham“ ist mehr eine Hommage als eine weitere dramatische, traurige Auseinandersetzung mit dem dritten Reich. Die Thematik der Vertreibung, der Heimat- und Kunstlosigkeit wird zwar angeschnitten, jedoch nicht übermäßig vertieft. Einzig der Verlust der Stücke, die Abraham auch in New York ein gutes Leben hätten sichern können, die Frustration, dass er sich nicht mehr an die Noten, Melodien, Texte erinnern kann, werden wieder und wieder aufgerollt.

Die musikalischen Häppchen, die einem von den beiden Darstellern und Jens-Uwe Günther, der das Stück auf der Bühne als Pianist mit begleitet, hin geworfen werden, stecken an, sich über Abraham zu informieren. Kaum hat man einen- bisher unbekannten Ohrwurm- einigermaßen verinnerlicht, kommt der nächste. Und der nächste. Und der nächste.

Am Schluss soll noch kurz empfohlen werden, sich das Stück auf einer kleineren Bühne anzusehen. Zwar rückt der große Abstand zwischen den Brettern, die die Welt bedeuten, und dem Publikum den Dirigenten in ein hervorragendes Licht, für den Rest ist eine größere Nähe jedoch absolut erstrebenswert.

Und so bleibt nach diesem TheaterabendRB7_3755, beeindruckt   von der Vielfalt in Berufen, Rollen und verschiedenen Altern Susanne Bards, von der Figur des Abrahams und wunderschöner Operettenmusik nur noch eines zu summen:

„Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände… lala lala lalalala“

 

 

 

Carlotta Harms studiert Psychologie an der Martin- Luther- Universität Halle-Wittenberg.