31. Oktober 2015 Web Redaktion

Nicht vergessen / ABRAHAM

Ein unheimlich facettenreiches Stück, das durch die Vertrautheit zweier ehemaliger Kommilitonen zum Leben erweckt wird.

Nach einer unterhaltsamen Begrüßung beim zweiten Neuland-Festival in Halle (Saale), die sowohl von zwei ambitionierten Reinigungskräften als auch von harmonischen musikalischen Klängen begleitet wurde, startete das Programm mit seinem ersten Theaterstück „Abraham“.
Als Auftakt wurden die Zuschauer von einer freundlichen Stewardess mit angenehmer Stimmlage abgeholt und sanft in die Szene und in die dargestellte Realität des Jahres 1957 eingearbeitet, indem sie als Passagiere am Flug teilnahmen und mit zuckerhaltigen Aufmerksamkeiten begrüßt wurden. Diese angenehme, freundliche Atmosphäre wurde jäh von der nervösen, hektischen und verwirrt scheinenden Hauptfigur, Paul Abraham, gespielt von Jörg Schüttauf, unterbrochen. Als Kontrast zwischen einer scheinbar heilen und harmonischen Umgebung, die von düsteren Ereignissen und eingestreuten Elementen des Nationalsozialismus überschattet ist, ist bereits die erste Szene bezeichnend für das Gesamtwerk. Dem Zuschauer wird der Weg in das Stück und somit in die gespiegelte Gefühlswelt des dementen Abrahams, einem großartigen Komponisten und unvergleichliches Genie in der Musikwelt, geebnet.
Im darauffolgenden Dialog zwischen Paul Abraham und seiner Frau Sarolta, gespielt von Susanne Bard, wird nun die nächste wichtige Figur vorgestellt, die souveräner und realitätsnäher erscheint als der verwirrt wirkende Abraham. Diese wirkt allerdings auch von dem Kranken genervt und wegen der finanziellen Situation verzweifelt und frustriert, gegen welche allerdings durch Abrahams Demenz nichts unternommen werden kann. Der Kontrast aus den unterschiedlichen Lebenshöhepunkten Abrahams bestimmt den Verlauf seiner Krankheit – wie die Gegensätze alt und jung stehen sich reich und arm, geliebt und gehasst, vollkommen und einsam gegenüber.
Bereits hier, in den Gesprächen des alten Ehepaares, erkennt man eine besondere Vertrautheit zwischen den Akteuren, deren perfektes Zusammenspiel das gesamte Stück beherrscht.
Im Folgenden wird der faszinierende Facettenreichtum eines ausgebildeten Schauspielers ausgereizt, in dem der Autor mit Ort, Zeit und den Rollen spielt. Ausschnitte aus Abrahams Biografie werden anschaulich und zuschauernah gezeigt, wobei der Fokus auf seinem durch den Nationalsozialismus und die damit verbundene Flucht und Emigration nach Amerika verursachten Trauma liegt. Zeitsprünge sind hier die Regel. Über größere Distanzen wird eine Verbindung aus den Gedanken des Demenzkranken und seiner Vergangenheit geschaffen, eine ideale Brücke baut hierbei die Musik. Einige Lieder, wie „Blume von Hawaii“, werden allerdings nur teilweise angeschnitten und der Künstler bei seiner strengen Dirigenten- und Komponistentätigkeit leidenschaftlich in Szene gesetzt. Unterstützt wurde er dabei von Jens-Uwe Günther.
Währenddessen schlüpft die Frau mit den tausend Gesichtern, Susanne Bard, an diesem Abend in unzählige Nebenrollen, z.B. als Krankenschwester, Prostituierte oder japanisch-französische Sängerin. Dies verleiht dem Stück eine eigene Komik und Abwechslung. Dank ausreichender Requisiten entsteht allerdings keine Verwirrung, die einzelnen Charaktere werden individuell gestaltet und sind daher unheimlich interessant. Besonders faszinierend ist hierbei die jeweilige Interaktion des Abrahams in seinen zeitlich versetzten Rollen und dem ständig variierenden Gegenpart. Hierbei wird besonders das freundschaftliche, gute Verhältnis zwischen den Akteuren untereinander und mit dem Autor deutlich, was es dem Zuschauer leicht macht sich selbst in der Interpretation zu entfalten und sich im gesamten Rahmen wohlzufühlen.
Dieser Aspekt wird auch im Neuland-Talk, dem Nachgespräch mit den Schauspielern betont. Publikumsnah wird hierbei mit den Akteuren und dem Autor eine lockere Gesprächsatmosphäre geschaffen, was den Einblick in die Handlung wesentlich erweitert.
Alles in allem ein gelungener Start in das Festival des Freien Theaters, der Lust auf mehr macht.

Johanna Düfert studiert Germanistik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.