2. November 2015 Web Redaktion

Redet ihr von Liebe?

Das Theaterstück„Red du mir von Liebe“ lässt sich mit einem Wort wohl treffend beschreiben: laut.

Liebe. Ein Mysterium, das die Menschen so lange beschäftigt wie sie ein halbwegs vernünftiges „Urgh“ hervor bringen können – der Vorbote des modernen „Ich liebe dich“. Ein so starkes Gefühl, dass es ausgewählten Göttern zugeordnet wurde, da es von übermenschlicher Natur sein muss. Ein Gefühl, das uns dazu bringt die verrücktesten Dinge zu tun, das über Zeit und Raum hinaus geht und uns zum glücklichsten oder verzweifelsten Menschen der Erde machen kann.
Aber wo fängt Liebe an, wo hört sie auf? Wann verwandeln sich die zarten Schmetterlinge und wann wird der Alltag der größte Feind? Nach einem Jahr? Oder fünf, zehn, zwanzig? Was wird, wenn man denjenigen, dem man die Welt zu Füßen legte, den man zu 100 % liebt, tagtäglich sieht und realisiert, dass stinkende Tennissocken, der einnehmende Beruf , klammernde Muttis zum Komplettpaket „Liebe“ dazu gehören? Die hoch philosophisch interessante Frage nach dem Gefühl X lässt sich wohl kaum innerhalb eines Abends klären, aber man hat sich diese Frage wohl mehrfach gestellt und ist zu dem Schluss gekommen, dass sie das, was dargestellt wurde, wohl nicht ist. Oder doch?
Das zweite Theaterstück beim Neuland-Festival mit dem Titel „Red du mir von Liebe“ lässt sich mit einem Wort wohl treffend beschreiben: laut. Nach einem interessanten Hörspiel als Auftakt, das den mythologischen Ursprung der Liebe zwischen Mann und Frau erklärt, ändert sich binnen Sekunden das ebenfalls mystisch wirkende und mit weißen Vorhängen verdeckte Bühnenbild in einen Salon eines Hauses der französischen Oberschicht. Ein Knall lässt die Zuschauer zusammenfahren und ein Mann um die fünfzig prescht herein und schimpft in kurzen Sätzen mit wilder Gestik und Mimik, sodass ihm ab und zu die Luft weg blieb. Während seiner Tiraden betritt eine Frau, gespielt vonInes Lacroix, in etwa dem gleichen Alter den Salon. Sie wirkt unendlich erschöpft und genervt, rollt mit den Augen, bewegt sich betont langsam und desinteressiert und setzt sich auf einen Sessel. Zwischendurch reagiert sie, aber man merkt die Müdigkeit der Situation und der späten Stunde in ihrer Stimme, bis ihr Ehemann sie mit seiner Eifersucht konfrontiert. Und es geht los: Ein paar Beschimpfungen fliegen hin und her, aber ein Quäntchen Vernunft, vielleicht auch nur die Müdigkeit, appelliert an die Frau, die nun schlafen gehen will. Ihr Mann stellt sich ihr allerdings in den Weg. Und provoziert sie. Immer wieder. Im späteren Neuland-Talk verrät der Schauspieler, Matti Engel dass er auf der Bühne noch nie so viele Schimpfworte in den Mund genommen hat.
Die Folge: zwei lange Stunden entfacht sich das größte Beziehungschaos seit Menschen Gedenken, nachdem man selbst anfängt darüber nachzudenken, ob die offene Zahnpastatube wirklich solch ein Malheur ist. Einhundertundzwanzig Minuten über wird sich angeschrien, wobei keiner der Beteiligten dauerhaft die Oberhand besaß. Mal traf er genau ihren Schwachpunkt, wie zum Beispiel durch einen genauen Angriff auf ihre Familie, mal ließ sie ihn, den „Speichellecker“, gnadenlos zappeln. Das Publikum konnte daher keinem der Charaktere völlige Sympathie zusprechen. Trotzdem gab es ausreichend viele Momente, in denen man sich fragte, warum sie um Gottes Willen ihren nebenbei sorgfältig mit Schuhen gepackten Koffer nicht einfach nahm und verschwand, sondern zurück kam und ihren Gatten vor Wut schreiend attackierte. Oder warum er, da er nun schon seinen Mantel erneut trug, nicht das Haus verließ und bitte, bitte , bitte dem ein Ende setzte. Nein, sie kamen einfach nicht voneinander los.
Unterstützt wurde die nette Unterhaltung von angemessenem Heavymetal als dann der Mann soweit war gegen Ende der Handlung das Haus abzufackeln. Seine Frau, die zuvor zu Bett gehen wollte, kam nun wieder und war entsetzt. Man stellte sich wieder auf den Feuersturm ein, der hier nun ausblieb. Stattdessen beteuerten sich beide Charaktere gegenseitig ihre Liebe und fragten sich scheinbar entkräftet, wieso sie sich jeden Abend so bekriegen müssen. Es wurde klar, dass die Frau eigentlich nur versichert kriegen wollte, wie sehr sie geliebt wurde. Also löste sie den Konflikt und beide tanzten sanft Tango; skurriler hätte das Ende eines Krieges wohl nicht sein können.
Im anschließenden Neuland-Talk lachten die ohnehin schon heiseren Schauspieler viel und es wurde sehr darüber diskutiert, wie sehr die Liebe einen beeinflusst und wie sehr man sich darin verliert von diesem einen Menschen, den man so sehr liebt, Bestätigung zu erhalten.

Johanna Düfert studiert Germanistik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.